Manilabericht 2

Ja, sehr geehrte Damen und Herren, es ist so eine Sache, unter Millionen Menschen allein zu sein.
Selbstverständlich habe ich hier Bekannte und Freunde, aber alle können kein Deutsch, und ich kann kein Englisch. Aber irgendwie bekomme ich es immer wieder hin.
Zur Not habe ich hier inzwischen einen Herrn Zachau aus Mülheim an der Ruhr kennen gelernt, der schon 12 Jahre auf den Philippinen lebt, und er hilft mir bei wichtigen Gesprächen  mit der Übersetzung.
Und noch eins ist sehr grausam, der philippinische Sommer. Morgens um 8 Uhr sind es schon 30-32 C, und mittags, da brennt die Sonne so richtig (40-46 C).
Sie wissen: es kommt immer anders, als man geplant hat. Normalerweise hatten wir die großen Problemfälle schon erledigt, aber dann entpuppten sich  die leichteren Fälle als sehr problematische Fälle.   Nehmen wir den 1 Jahr alten Boy  Marian Canlas aus der Provinz Capiz. Normalerweise sollte  das entstellte Gesicht operiert werden. Aber bei der Voruntersuchung hier in Manila stellte man fest, dass er eine sehr starke doppelte Lungenentzündung hat und schwer an TBC erkrankt ist. Bei einer erneuten Untersuchung  wurde auch noch ein Herzfehler entdeckt. Warum hat man das in der Provinz nicht festgestellt? Hier sehen wir,
warum Sr. Martilde und ich die Kinder  lieber nach Manila kommen lassen.
Ja, jetzt warten wir also auf die Genesung, damit der Junge endlich operiert werden kann.
Auch mit den 2 Kindern aus der Provinz Aklan, Vinzent  Acat und Christian Melgarejo,hat es so eine Geschichte.
Wir haben alle Kinder in der Provinz noch einmal untersuchen lassen. Das Ergebnis ist auch hier erschreckend.   Alle Kinder haben zusätzlich Lungenentzündung und schwere TBC.
Jetzt warten wir, ob die Medikamente anschlagen.
Henny Visto ist mit Ihrer Mama in die Provinz zurückgefahren, in der Gewissheit, dass Henny bald sterben wird.
Mittlerweile hat Father Roberz ein paarmal getextet, wann ich endlich zu ihm die Provinz nach Busuanga komme, um seine Gemeinde kennen zu lernen. Nun ergab sich, dass auch Sr. Rufina zu Father Roberz fliegen wollte. Kurzum, wir flogen beide hin, doch man mich gewarnt: Es ist am Ende der Welt, und dort sind noch viele Rebellen.
Die Taxifahrt zum Domestik Flughafen war extrem abenteuerlich. Wir hatten einen Taxifahrer, der glaubte, eine Nonne und einen ausländischen Deppen kann er so richtig abzocken. Da war er bei den Falschen. Er fuhr uns in Manila herum, durch Gegenden, in denen ich noch nie war. Ich kannte aber die Strecke ganz genau. Normal kostet die Fahrt 150 Peso. Sein Taxometer zeigte aber 450 Peso an. Er bekam von uns 300 Peso, schaute uns böse an und zog verärgert ab, nachdem wir mit der Polizei gedroht hatten.
In Busuanga angekommen, standen wir nun da auf dem neuen Flughafen: kein Father Roberz oder ein Empfangskomitee. Da auch die Handys keinen Empfang hatten, wussten wir jetzt nicht, was wir machen sollten. In ein Auto rein, wieder raus, und das wiederholte sich 3 mal.
Bis ein blaues Auto vorfuhr. Das waren unsere Abholer. Sie kamen von der Stadt Coron und hatten auch dort Leute abgeholt. Aber was war das: das   Auto war schon voll. In Philippinen löst man solch ein  Problem so: der Weiße kommt nach vorne, hinten auf der 3-Reihe sitzen eben 5 Leute und auf der Ladefläche die anderen 4. Und schon gings zum Abenteuer. Die ersten 12 km hatten wir eine sehr schöne Straße, aber als wir rechts nach Busunga abbogen, kam die Katastrophe. Es war keine Straße, es war ein schlechter Feldweg. Kaputte Brücken usw. Man sah die Armut. Später erklärte man mir, dass der Gouverneur und der zuständige Senator nicht gut sind. Sie stecken zu viel in die eigene Tasche.       Jetzt war ich 5 Tage in Busuanga und muss gestehen, dass ich viel gelernt und gebetet habe.
Es war die Karwoche. Natürlich freute sich Father Roberz, endlich war der "Onkel Lutz" bei Ihm. Ich muss gestehen, ich wurde sehr gut betreut und hin und her gefahren. Auf der Insel war auch ein Wildpark mit Zebras und Giraffen und anderem Getier. Beim Abschied Ostersamstag waren wir alle traurig.
Es war zwar die tiefste Provinz, aber ich konnte mich ein wenig vom Stress erholen.
Ostersonntag sollte ich in Smokey Mountain/ Manila die Prozession mitmachen. Ostersonntagmorgen um 2:30 Uhr war schon der Fahrer bei mir. Er fuhr mit mir so schnell, dass ich annahm, der Teufel wäre hinter ihm her. Normal dauert die Fahrt alltags so um die 2 Stunden. Gut, es war nachts, und es waren keine Staus. Er brauchte nur 30 Minuten. Angekommen, suchte er verzweifelt den Prozessionsaufmarsch. Man muss sich das vorstellen: der Fahrer des Pfarrers, Father Sabado, suchte den Anfang der Prozession! Nach 45 Minuten fanden wir endlich die eine Prozession. Sie müssen wissen, es gibt 2 Prozessionszüge. Der eine Zug trägt Maria (von Frauen), der andere Josef (von Männern). Und die treffen sich vor der Smokey Mountain Kirche, wo der Engel Maria berührt.
Man muss dabei gewesen sein. Man kann es nicht erklären. Die Atmosphäre war einmalig. Aber jetzt weiß ich auch, wofür  die Kranken,- und Feuerwehrwagen in Philippinen gut sind. Außer zum Kaffee- und Essenholen fahren sie an der Spitze von Prozessionen  und machen einen  himmlischen Lärm. Anschließend war Messe, und danach haben wir gemeinsam gefrühstückt. Dann war der "Spuk" vorbei, und ich bin nach Hause gebracht worden. Das war mein Ostern. Hose und edler weißer Barong waren dreckig, und ich war groggy. Ich legte mich erst einmal hin, um den fehlenden Schlaf nachzuholen. Natürlich sind an beiden Ostertagen die Geschäfte offen. Sie müssen aber wissen, in jedem Einkaufscenter finden  Heilige Messen statt, und die sind sehr, sehr gut besucht.
Nach Ostern war ich dann bei Sr. Martilde, um einiges zu besprechen.  Denn  bei allen Kindern, die an TBC und Lungenentzündung erkrankt sind, geht  der Heilungsprozess sehr schleppend voran, und wir können die Planung nicht fortsetzen, denn wir wissen nicht, wie teuer es für uns wird. Denn es warten noch 3-4 Kinder auf unsere Hilfe.
 
Das Wochenende danach bin ich wieder zum Gebirgskloster von Father Archie nach Tarlac gefahren. Wir haben nicht nur über die nächsten Container und seine Wünsche gesprochen, sondern auch über den schleppenden Weiterbau seines Kinderheimes in Tagaytay City. Er erklärte mir, es gibt zur Zeit zu wenig Sponsoren. Er muss noch mit dem alten überfühlten Haus auskommen und kann nur die Notfälle vom Krankenhaus aufnehmen. Es sind zwar adoptiv willige Ehepaare da, aber die wollen ein gesundes Kind. Die Kinder, die Father Archie aus dem Krankenhaus bekommt oder die bei ihn abgegeben werden, sind aber fast alle behindert.
 
Am Mittwoch, 14.4.,  war ich mit Father Sabado, Bischof Cinense und Bischof Juanich und Father Archie  verabredet. Sie sollten um 14 Uhr zu mir nach Hause ins Apartment kommen. Father Sabado wollte nicht nur unsere neue Vereinsfahne und das große Banner mitbringen, sondern auch die bestellten Handarbeitssachen von der Gemeinde-Kooperative (aus Altpapier Rosenkränze, Armbänder und Halsketten). Was für einen Filipino sehr ungewöhnlich ist: Father Sabado war eine Stunde früher und ging auch sehr spät. So nach und nach kamen auch Father Archie, Bischof Cinense, Bischof Juanich, pünktlich.  Nur der Dolmetscher, Herr Zachau, kam zur philippinischen Zeit, eine Stunde später.  Das Hauptthema waren die nächsten beiden Container. Vor dem Sitzungsbeginn haben sich erst einmal alle für die wunderbaren Sachen aus Deutschland bedankt. Alles, was wir schicken, hat eine Verwendung. Zur Sitzung selbst ist nicht viel zu erzählen. Wir haben nicht nur viel geredet, sondern auch viel gegessen. Es gab halb deutsches, halb philippinisches. Essen, lecker zubereitet von meiner philippinischen Schwägerin Ginging. Das Ergebnis war einstimmig,  die nächsten Container sollen wieder an die Smokey Mountain Gemeinde  geschickt werden. Alle erklärten übereinstimmend, dass es so besser währe.
 
Da am nächsten Freitag eine Arbeiterin von Sr. Martilde Geburtstag hatte, wollte ich am Nachmittag kurz vorbei schauen. Um 8 Uhr morgens kam aber eine SMS von Sr. Martilde, ich möchte doch um 10 Uhr kommen, da die Familie Bontoc mit den Zwillingen komme. (Sie erinnern sich, wir bezahlten ¾ der Hospitalkosten)
Das kleine Mädchen ist wunderbar gewachsen und kann schon gehen. Sein Bruder wird sein Leben lang behindert bleiben. Ich habe mich über die Familie sehr gefreut. Trotz des behinderten Sohn war sie lustig und frohes Mutes.
Ich wollte gerade gehen, da kam bei mir eine SMS von meiner Schwägerin auf Englich an. Ich gab das Handy Sr. Martilde. Sie erklärte mir, das ein Kind dringend unsere Hilfe braucht, da es einen viel zu kleinen After hat. Die Mutter wurde zu Sr. Martilde zum Konvent bestellt, damit wir Genaueres erfahren würden.
Ich wollte danach nach Hause fahren, und ich weiß bis heute nicht, warum ich in der Ortigas-Station ausgestiegen bin. Zwar kommt man von da aus auch zur großen Einkaufszentrum, das ist aber ein Umweg.
Als ich die Treppen runter gehen wollte, erschrak ich fürchterlich. Auf der Treppe saß eine Mutter mit Ihrer Tochter und bettelte. Das Mädchen war so stark im Gesicht entstellt, dass mir schlecht wurde.
Mit Händen und Füssen erklärte ich der Mutter, sie möge morgen zu meinem Apartment kommen. Sie nickte, und dies war für mich die Zusage, dass sie kommt. Ich bestellte noch einen Dolmetscher und fuhr dann nach Hause.
Am anderen morgen  warteten wir vergeblich auf die beiden. Kurzerhand fuhr ich nachmittags noch einmal zur Ortigas-Station und traf prompt die Mutter mit dem  Girl, auf der Treppe bettelnd. Ich schnappte mir beide und fuhr mit einer Taxe sofort zu   Sr. Martilde. Auch Sr. Martilde und die Mitarbeiter erschraken beim  Anblick des Girls. Hier erfuhr ich, dass der Vater vor 2 Jahren gestorben war, die Mutter nur gelegentlich Arbeit hat und dass das Girl Princess hieß. Das fürchterlich entstellte Gesicht hat sie von Geburt an,  es kann nicht operiert werden,  haben die Ärzte gesagt. Die Mutter erzählte auch, dass Princess zur Oberschule geht und sehr intelligent ist.
Ich beriet mich kurz mit Sr. Martild,  was wir mit Princess machen sollten, und das Ergebnis sieht folgendermaßen aus: Sie bekommt, so lange sie zur Schule geht und wir Geld haben, 2000 Peso (ca 40 €), und für Princess werde ich eine Computeranlage nach Manila schicken.
 
Abends rief Sr. Martilde noch einmal an. Das Kind mit dem zu kleinen After ist 4 Jahre alt und muss jetzt dringend operiert werden. Bis jetzt wurde das Kind nur mit sehr dünner Nahrung ernährt. Außerdem hat das Kind noch Epilepsie, TBC und, wie nicht anders zu erwarten,   eine Lungenentzündung. Wir haben es ins Hospital geschickt, um sie erst einmal richtig untersuchen zu lassen. Das Ergebnis, es muss erst einmal kräftig zunehmen, es ist total untergewichtig.
Am 21.4. traf ich mich noch einmal mit Father Sabado, Father Archie und Gemeindemitglieder in Cubao, um die letzten Feinheiten wegen der Container abzustimmen. Natürlich dürfen Mittagessen und Kaffee anschließend nicht fehlen.
Die letzte Woche habe ich benutzt, um unsere Projekte in Manila alle noch einmal zu besuchen.
Heute ist der 25.4., und ich werde gleich zur Smokey Mountain Station fahren, um dort  die 9 Uhr-Messe mitzufeiern, und anschließend werde ich den Müllberg besuchen und neuste Fotos machen. Da Father Sabado nach der Messe noch wo anders Messen hat, müssen wir die letzte Unterredung am Montag im Apartment machen.
Mittlerweile haben wir schon wieder 5 neue Kinder, die alle mehr oder minder behindert sind. Da das Geld alle ist, müssen wir alles verschieben, bis Sie, liebe Helfende, uns erneut unterstützen.
Obwohl am Abend mein Flug ging,  bat mich Herr Zachau noch, ich möge am Nachmittag an einen Gespräch teilnehmen. Es ging um die Ureinwohner von Luzon. Herr Zachau kümmert sich seit fast 10 Jahre um diese Bevölkerungsgruppe.
 
Abends brachte mich Father Archie zum Flugplatz. Mittlerweile bin ich wieder zuhause, und es wartet viel Arbeit auf mich.
 
Herzliche Grüße
Ihr Lutz Ruhloff
Vorsitzender des PHILGER e.V.

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