Liebe PHILGER-Freunde,

 Manilabericht 1

inzwischen ist die erste Hälfte meiner philippinischen Zeit  fast vorbei, und an die brutale Hitze habe ich mich langsam gewöhnt.
Morgens um 8 Uhr hat es schon 29 Grad.
Die ersten gemeinsamen Konferenzen habe ich  hinter mir. Es ist viel diskutiert worden, wie es in Philippinen halt so ist, aber ich wünschte mir Entscheidungen.
Unsere Container sind seit einigen Monaten im Land, die Hilfsgüter sind schon alle verteilt.
Zu den Kinderfesten, die auch in diesem Jahr veranstaltet werden konnten:
Das erste Kinderfest haben wir  in der Smokey Mountain Station in Manila Tondo/Aroma veranstaltet. Es  war ein schönes, gelungenes Fest.
Jedes Kind hat ein Menü zum  Essen bekommen, 1 Tafel Schokolade und einen kleinen Beutel Gummibärchen. Es ist zum Mitfreuen zu sehen,  wie sich 150  Kinder freuen.
Das zweite Kinderfest veranstalteten wir im
Little Angel Home (Waisenhaus von Father Archie). Hier  haben wir den Kindern dasselbe Angebot gemacht. Freilich, die Betreuer haben die Schokolade schon vor dem Essen den Kindern ausgeteilt.   Da lässt sich denken, wie köstlich
 sie alle bald an Händen, Armen, Gesichtern ausgesehen haben.
Leider ist trotz Hilfe das neue Waisenhaus nicht fertig. Es wird wahrscheinlich noch 2 bis 3 Jahre dauern, es sei denn, es kommt überraschend eine besondere Hilfe.
 
Den ersten Flug in die Provinz habe ich hinter mir, dieses Mal ohne Probleme.
Als Erstes habe ich mich dort mit der Mutter vom verstorbenen Jerico, Gloria  Castillion, getroffen.
Sie ist schwer gezeichnet von ihrer Nierenkrankheit. Ich vermute, sie wird ihrem Söhnchen bald folgen. Es ist hart, es ist grausam: hier können wir nicht helfen, eine neue Niere würde 60.000 bis 80.000 Euro kosten.
Auch die Tochter von Gloria braucht ärztliche Hilfe. Ich habe sie erst einmal zum Arzt geschickt, um einen Befund zu bekommen.
Heute ist der 10. 02. -  und Sr. Martilde übermittelte mir gerade die gute Nachricht, dass 3 Kinder schon operiert sind und die schwer herzkranke Henni im Hospital für die ersten Untersuchungen untergebracht werden konnte.
Mittlerweile sind erneut 4 bitter entstellte  Kinder vorgestellt worden und in unsere Liste für Operationen aufgenommen worden.
Wie weit wir hier helfen können, kann ich erst entscheiden, wenn alle Kinder, die wir von der Insel bereits nach Manila kommen ließen, operiert sind. Wenn dann noch etwas Geld übrig ist, können wir dem einen oder anderen Kind eventuell helfen.
 
 
Es sollten, bevor der Stress bei mir anfängt, einige Tage Urlaub auf der Insel entstehen, aber neue Anrufe aus Manila von Sr. Martilde beunruhigten mich doch sehr.
Die Untersuchung von Henni hat ergeben, dass sie zwei (!) Operationen braucht.
Das wirklich Schlimme aber ist: das Mädchen würde die erste Operation zu 90 % nicht überleben. Und wenn es sie überleben würde, dann - so heißt es - würde es die zweite Operation zu 99,9 Prozent nicht überleben.
Was sollen wir machen? - das ist die Frage an mich gewesen. Auf meine Bitte hin sprachen  Ritchie aus dem Team von Sr. Martilde und der Arzt mit der Mutter von Henni.  Warum sollen wir Henni quälen? Die Mutter ist sehr verständig gewesen, hat mitentschieden, die qualvollen Operationen nicht zu machen und stattdessen mit unserer Hilfe dem Mädchen den gar so frühen Lebensabend schön zu machen.
 
Die nächste Station war Jamindan, der Heimatort meiner Frau. Am  Morgen nach meiner Ankunft mochte ich meinen Augen nicht trauen. Vor der Tuer stand eine Schlange von Leuten, die ärztliche Hilfe brauchen. Ich lies die Erwachsenen nach Hause schicken und lies nur Kinder mit ihrer Begleitung herein. Wir haben alles aufgenommen und versprochen, eventuell helfen zu können. Zwei Kinder waren so sehr entstellt, dass wir sie sofort in unser Programm aufgenommen haben - in dem Wissen, wir können das,  da ja Henni nicht operiert werden wird.  
Der andere Tag fing ruhig an, endete aber  fast mit dem Tod eines neugeborenen Jungen auf unserem  Grundstück. Es ist eigentlich eine lange Geschichte;  in kurzen Worten: Baby geboren, Hebamme schickt Mutter und Söhnchen zum Arzt (Mambusao). Dort stellt man fest, dass der Junge einen  zu kleinen Afterausgang hat, und den kann man hier am Ort nicht operieren, und außerdem braucht man Geld. Ich weiß bis heute nicht, woher sie unsere Adresse gehabt hat.  Sie stand weinend vor unserer Tür. Meine Frau Delia, selbst Krankenschwester, sah die Schmerzen des Babies (2 Tage alt). Sofort schickten wir die Frau und das Baby mit Begleitung und Geld nach Iloilo, der Inselhauptstadt.  Als das Kind ankam, war es schon in einem kritischen Zustand. Aber da Geld vorhanden war, wurde sofort geholfen. 2 Stunden später wäre der Kleine tot gewesen.
Das Schlimme bei den Kindern hier: fast alle, denen wir helfen können, haben zu allem noch entweder eine Lungenentzündung oder sind an Tuberkulose erkrankt.

Übrigens da der kleine Junge noch nicht getauft war und er noch keinen Namen hatte, konnte ich seinen Namen aussuchen. Ich war zu überrascht, in meiner Not fiel mir der Vorname Kevin ein. 'Kevin', das hat mir jemand gesteckt, ist englisch-irisch, das Wort hat eine altirische Wurzel, die heißt auf Deutsch 'anmutig', 'hübsch von Geburt'. Von einem heiligen Vorbild 'Kevin' aber lässt sich leider nichts finden. Vielleicht ja sollten wir zu KEVIN als Zweitnamen einen attraktiven Heiligennamen dazu stellen...

Spät am Nachmittag kam noch eine verzweifelte Mutter mit ihren 4 Jahre alten Sohn vorbei. Er krümmte sich vor Schmerzen. Die Mutter zeigte uns  seine Hoden, die total entstellt aussahen. Auch hier erkannte mein Boss, meine Frau Delia, dass auf der Stelle geholfen werden musste. Wir gaben ihm eine Schmerztablette, und am anderen Morgen schickten wir auch diese Familie zum 250 km entfernten Hospital nach Iloilo. Wir erfuhren am anderen Tag, dass auch hier die Situation 'kurz vor 12' gewesen ist. Der Hoden war total vereitert. Das hätte ohne ärztliche Behandlung in einigen Tagen den Tod bedeutet.
Sie sehen, liebe Freunde,  an Arbeit mangelt es mir nicht. Dank Ihrer Spenden können wir hier vor Ort viel bewirken. Alle Kinder hier, alle Eltern sagen herzlichen Dank - zu Ihnen hin.

Jetzt, da meine Frau zurück nach Deutschland ist, bin ich auf mich selbst gestellt. Jetzt gehören zur Sprache, die ich benutze,  auch die Hände und Füße.
Ich werde jetzt in die Provinzen fahren oder fliegen, um präsent bei denen zu sein, die wir/ Sie unterstützen.
 
 
Herzliche Grüße aus dem heißen Manila.
 
 
Ihr   Lutz Ruhloff

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